… über (die) Rituale

Mir ist es wichtig, etwas Grundsätzliches in Bezug auf Rituale zu klären.

Dafür will ich etwas weiter ausholen. Das tut mir leid, aber ich versuche es so kurz wie möglich zu gestalten. Es wird um unseren Umgang mit Ritualen gehen, die wir im Allgemeinen mit denen der indigenen Bevölkerung Amerikas in Verbindung bringen. Oder, wie viele von ihnen es wahrscheinlich lieber hören würden, der First Nations (of Turtle Island).

In den 80ern hatte ich angefangen mich für den, wie man damals noch sagte, indianischen Widerstand zu interessieren und habe viel und intensiv darüber gelesen, besonders die Bücher, in denen sie selbst zu Wort kamen. Wie selbstorganisiert die eigene Kultur gelebt und teilweise wiederentdeckt wurde. Eigene Schulen gegründet wurden, damit die Kinder ihnen nicht weggenommen wurden und auf Missionsinternaten gesteckt wurden, auf denen sie mißhandelt wurden. Eine Praktik die bis vor gar nicht so langer Zeit weit verbreitet war. Bis heute verschwinden indigene Frauen spurlos und Rassismus ist nach wie vor allgegenwärtig. Auch sogenannter „positiver“ Rassismus, der sie romantisch zum Beispiel pauschal als „edle Wilde“ verklärt.

Warum ich das alles erzähle? Ein Aufruf tauchte immer wieder in den Büchern auf. Bereits seit den 70ern sahen sich viele Stammesführer und Bewahrer ihrer Spiritualität genötigt immer wieder folgendes zu sagen (und die Stimmen sind immer noch da und wiederholen es bis heute):

„Hört auf unsere heiligen Gebräuche zu stehlen! Erst nahmt ihr unser Land, jetzt nehmt ihr unsere Kultur! Geht und findet eure eigene Spiritualität. Wie ihr das machen sollt? Geht hinaus in die Natur, verbindet euch mit der Erde auf der ihr lebt!“

Dieser Aufruf senkte sich tief in mich hinein.

Und die Konsequenz daraus offenbart das Dilemma, in das die allermeisten Europäer stecken, die auf der Suche nach ihren eigenen spirituellen Wurzeln sind. Zuviele Generationen ist es her, dass wir von unseren Wurzeln gekappt worden sind. Verzweifelt greifen wir nach kleinsten Hinweisen, wie sie uns Sagen und Märchen, archäologische Erkenntnisse und Spuren, wie die Runen, uns geben können. Unsere schamanisch-animistische Wurzeln werden mittlerweile auch von der Wissenschaft akzeptiert. Dieses, zusammen mit dem obigen Hinweis, dass wir unsere Spiritualität vor unserer Haustür in der Natur finden können, eröffnen uns Möglichkeiten.

Es sind bereits verschiedene Punkte bekannt, von denen wir sicher sein können, dass sie auch bei uns einmal praktiziert worden sind. Und zwar weil sie weltweit verbreitet waren und teilweise auch noch sind, unabhängig in welche Kultur wir schauen. Wir hätten da zum Beispiel das im Kreis zusammenzusitzen, das Räuchern, die Ansicht, dass alles beseelt, zumindest jedoch von Geist(ern) erfüllt ist, verschiedene Ekstasetechniken, sei es durch Trommeln & Rasseln, Tanzen, oder den Gebrauch von bestimmten Pflanzen und Pilzen. Auch die Praxis sich durch Schwitzen zu reinigen gehört dazu.

Ich bin nun der Meinung, dass es auch uns als Europäer möglich (und erlaubt) ist, all diese Techniken zu nutzen, um wieder in Kontakt mit unserer eigenen naturverbundenen Spiritualität zu kommen. Worauf es ankommt, sind die Feinheiten. Ich persönlich sehe die Grenze zwischen eigener und angeeigneter Tradition in Details, von denen ich hier ein paar als Beispiel aufführe.

  • Warum den amerikanischen Weissen Salbei importieren und nutzen, wenn wir unsere eigenen Kräuter haben?
  • Warum Federn des Weisskopfseeadler nutzen, wenn wir selber einen Seeadler hier leben haben?
  • Warum das Bison, den Coyoten, die Klapperschlange und so weiter anrufen oder als Symbol verwenden, wenn es sie hier in unserer Fauna nicht gibt und auch nicht einmal gab?
  • Warum stimmen wir etwas Gesagtem mit einem ein Hugh! Oder Ho! zu, und nicht mit einem Wort oder Ausdruck, der in den Kulturkreis passt, in dem wir reingewachsen sind?

Ich sehe mich sehr stark in der Verantwortung damit bewusst umzugehen, da rituelle Kreise und Praktiken Teile meiner Arbeit sind. Ihr könnt gerne anderer Meinung sein. Ich kann und will euch nichts verbieten. Ich bitte euch nur, euch dessen bewusst zu sein. Das Thema wird kontrovers dikutiert und es wird wohl keine allgemeingültige Einigung dazu geben.

Das ist auch der Grund, warum sich die Rituale bei den Mondkreisen und meinen anderen Angeboten immer leicht verändern können. Von Anfang an waren diese Zusammenkünfte als etwas gedacht, um die Wurzeln der eigenen Spiritualität zu entdecken, und das bedeutet vieles auszuprobieren. Einiges ist noch nicht perfekt, und wird es nie sein, aber dieser Weg fühlt sich für mich wesentlich stimmiger an. Wer bei meinen Angeboten „indianische“ Gesänge und Zeremonien erwartet, wird enttäuscht sein. Wer aber versucht sich mit den eigenen Wurzeln zu verbinden, findet hier womöglich einen passenderen Zugang.

JO! (wie man bei uns in Norddeutschland sagt 😉)